Hurrikane vor Haiti
Hurrikan auf HaitiVorsorge vor Katastrophen
Der Tag, an dem Matthew auf die Insel traf
„Es wurde ganz plötzlich dunkel. Mitten am Tag. Es war wie die Hölle auf Erden.“
So erinnert eine Bewohnerin in Rivière Salée, einem haitianischen Bergdorf im Südwesten des Karibikstaates, wie es anfing.
„Das Wasser kam in Strömen, vom Himmel, von den Bergen.“
Hurrikan MatthewDer Wirbelsturm "Matthew" traf Haiti ins Herz
Als gewaltigster Hurrikan seit Jahrzehnten löste Matthew in Haiti die schwerste humanitäre Krise seit dem verheerenden Erdbeben 2010 aus.
Baradères - ein Dorf im SüdwestenDie Ruhe vor dem Sturm
Wenn sich der tropische Starkregen in den Schluchten entlang der Steilhänge im bergigen Südwesten Haitis sammelt, bleibt nicht viel Zeit. Die Dörfer liegen in den flachen Talsohlen, umgeben vom Reis- und Gemüseanbau. Schluchten und Hohlrinnen entlang der oft kahlen Berghänge liegen die allermeiste Zeit völlig trocken. In der Regenzeit schwellen sie binnen weniger Minuten zu reißenden Sturzfluten an.
Sturm und Fluten
Matthew richtete verheerende Schäden an. An manchen Orten hatte der Sturm keinen Stein auf dem anderen gelassen. Wasser- und Stromnetz funktionierten nicht mehr, zerstörte Straßen erschwerten die Versorgung der Bevölkerung.
Matthew Oktober 2019Die Bilanz des Wirbelsturms
- 470 Menschen verloren bei der Katastrophe ihr Leben.
- Rund 2,1 Millionen Menschen sind von den Auswirkungen des Sturms direkt betroffen.
- In Baradères wurden bis zu 90 Prozent der Gebäude zerstört oder beschädigt.
- Ernten und Saatgut waren verloren. Die Ernährung tausender Menschen stand auf dem Spiel.
- Im Bezirk Nippes verzögerten Schäden an über 200 Schulen den Schulbetrieb.
Rivière SaléZivilschutzkoordinatorerinnert sich an Wirbelsturm Matthew
Die Dorfbewohner und Bewohnerinnen haben ihre Häuser verloren, und mit den Häusern oft ihren gesamten Besitz.
Auch das Vieh haben sie verloren, ihr Hab und Gut, die Ernte. Viele hatten nichts mehr.
Die Angstbleibt abrufbar
Panikattacken und Traumata wirken oft lähmend, wenn eine Frühwarnung ausgesprochen wird. Sie erschweren es den Betroffenen, sich in Sicherheit zu bringen und umsichtig zu handeln.
Viele alte Menschen haben bereits mehrere Katastrophen erlebt - und auch überlebt. Sich in Sicherheit zu bringen, beim nächsten Mal, bleibt eine Herausforderung.
Sturzfluten in der Talsohle
In weniger als einer Stunde kann ein flacher Bach zu einem reißenden Fluss werden. Ganze Dörfer sind dann abgeschnitten, der Zugang in die Bergdörfer per Motorrad oder Geländewagen ist über Tage nicht möglich.
Wirbelstürme sind keine SeltenheitHurrikan in der Karibik
Im September 2019 zog der Wirbelsturm Dorian knapp an Haiti vorbei – seine Ausläufer prasselten auf die Dächer der Häuser in der Hauptstadt Port-au-Prince.
Der Sturm wütete dann drei Tage über den nördlichen Bahamas. Haiti nahm an der Zerstörung dort großen Anteil. Viele Haitianer und Haitianerinnen leben und arbeiten auf den Bahamas.
Klimawandel
Der Klimawandel erhöht in der Karibik das Risiko von Hurrikans
Mit der Erderwärmung heizt sich das Meerwasser auf. Tropenstürme können dann mehr Wasserdampf aufnehmen, größer werden und mehr Niederschlag erzeugen, sobald sie auf Land treffen.
Vor allem die Heftigkeit von Sturmfluten und teilweise auch die Windgeschwindigkeiten nehmen zu.
Père HervéCaritas Direktorder nationalen Caritas Haiti
Wie die Caritas Haiti die
Vorsorge gegen die Folgen des Klimawandels stärkt
Die Menschen besser vorbereiten
- Fidèle Nicolas ist seit 13 Jahren Koordinator für den staatlichen Katastrophenschutz in Nippes.
-
Joana Lajoie ist
Agraringenieurin leitet den Bereich Katastrophenvorsorge bei der Caritas
Nippes.
- Jean Rénel Baptiste ist Bauingenieur und Rechtsanwalt und koordiniert die Programme der Caritas Nippes.
Sie alle haben das Erdbeben vom 10. Januar 2010 miterlebt, die vier Wirbelstürme Fike, Gustave, Hanna, Ike 2008 und den Hurrikan Matthew 2016.
Joana LajoieDer Klimawandel und seine FolgenAgraringenieurin, Caritas Nippes
Mit von der Partie ist der staatlicheZivilschutz
Nach dem Erdbeben 2010 wurde offensichtlich: Katastrophenhilfe und Katastrophenvorsorge
ist nur dann nachhaltig, wenn sie
mit den staatlichen Zivilschutzstellen
abgestimmt ist.
Die Caritas Nippes, der Partner von Caritas international, arbeitet eng mit der Zivilschutzbehörde zusammen.
Fidèle Nicolas schätzt diese Kooperation sehr und meint, der staatliche Zivilschutz im Département Nippes ist auf eine Katastrophe jetzt besser vorbereitet als noch vor zehn Jahren.
Wer auf eine Katastrophe vorbereitet ist, kann sich besser schützen
Wer auf eine Katastrophe vorbereitet ist, kann sich besser schützen
Regelmäßige Besuche der Mitarbeiter der Caritas Nippes in den entlegenen Dörfern wie hier in Rivières Salé sind eine gute Basis. Denn Koordination und Kooperation brauchen stetige Übung und einen erfahrenen Initiator.
„Kooperatives Handeln und eingeübte Abläufe können Leben retten!“
Schutzkommitees
Wenn die Bevölkerung gegen die zerstörerische Kraft eines Wirbelsturms und seine oft tödlichen Folgen angemessen gewappnet ist, kann Leben gerettet werden.
Die Caritas erarbeitet in Haiti konkrete Einsatzpläne zum Zivil- und Katastrophenschutz.
Ein wichtiger Schwerpunkt ist die soziale Interaktion aller Beteiligten, ein Funksystem und zentral gelegene Schutzunterkünfte.
Die Folgeschäden des HurrikansSie können so tödlich sein wie der Wirbelsturm selbst
„Vor allem sauberes Trinkwasser wird knapp, etwa, wenn Sedimente die Wasserreservoire verschmutzen oder verstopfen und die Abwassersysteme überlaufen. Damit steigt die Gefahr, dass sich Epidemien ausbreiten, Typhus etwa und Cholera.“
Bau von SteinwällenStein auf Stein
Der Bau von Steinwällen schützt nun die Gemeinde vor künftigem Starkregen. Die Steinwände sind einerseits eine effiziente Hürde für das Wasser, dessen Laufkraft gebrochen wird.
Die Bauaktion selbst ist andererseits ein soziales Event von unschätzbarem Wert. Ein Freiwilliger erklärt:
"Die Leute tauschen während der Arbeit ihre Erfahrungen aus: Wie sie das Vieh zu retten versuchten, wo sie noch Saatgut aufbewahrt hatten, wie sie das Dach ihres Hauses aus den Bäumen gezogen haben."
Weitsicht und VorsorgeKeine Selbstverständlichkeit
Nachbarn vereinbaren miteinander, wer wem bei einer künftigen Evakuierung unter die Arme greift und wer sich um die Alten kümmert, die sich nicht mehr aus eigener Kraft auf den nächsten Hügel oder in das nächste feste Gebäude retten können. Das solidarische Miteinander setzt neue Kräfte frei.
Angestoßen wurde es über Cash-for-Work: eine kleine Aufwandsentschädigung für die Mithelfenden hier im Dorf.
Weitsicht und Vorsorge ... wachsen wie ein zartes Pflänzchen
Damit kollektives Handeln in der Gemeinde Wurzeln schlagen kann
Das kollektive Wissen über diese Risiken und vereinbarte Strategien, wie man sich besser schützen kann, ist der erste Schritt der Anpassung an den Klimawandel.
In einem Schutzgebäude in Baradères treffen sich die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner und bilden lokale Schutzkomitees. Wer welche Aufgabe übernimmt und was die Prioritäten im Katastrophenfall sind, wird hier regelmäßig gemeinsam abgestimmt.
Ernährung sichern - Einkommen schaffen
Gemeinschaftsarbeit gegen LohnCash for WorkJean Renel Baptiste koordiniert die Instandhaltung von Zufahrtswegen
Die Gemeinden haben beschlossen, zerstörte Pistenabschnitte in gemeinsamer Arbeit Instand zu setzen. Damit im Notfall ein Geländewagen Zufahrt zum Dorf hat.
Die Dorfbewohner erhalten für die Gemeinschaftsarbeit einen kleinen Lohn. Ganz nach individueller Lage und Bedarf der Familie verwenden sie den Lohn. So reparieren sie ihre Häuser, bezahlen Schulgebühren, kaufen Lebensmittel, begleichen die Arzt- oder Krankenhausrechnung.
Cash for WorkDie Mitwirkenden
Delcame Lucien, 42 Jahre, hat 5 Kinder. Dank der Mithilfe beim Cash-for-Work Programm kann er mit einem kleinen Einkommen die schwierige Zeit nach dem Wirbelsturm überbrücken.
Die Gemeinden vorbereitenDas Teamim Gelände
Die Animateure und Projektmitarbeitenden lernen in einer Fortbildung, wie Wege befestigt und Steinwälle angelegt werden, um den Bodenabtrag auszubremsen und Fluten zu vermeiden.
Regelmäßig tauschen sie sich untereinander aus - im Gelände - versteht sich, um voneinander zu lernen. Und sie treffen ihre Gruppe, um gemeinsam Pläne für weitere Befestigungen zu erarbeiten. Die Gemeinschaft setzt die Prioritäten.
Gemeinsam ist man stärkerSolidargruppen
Wer eine Idee hat, wie ein kleines Einkommen erwirtschaftet werden kann, erhält von der Gruppe einen kleinen Kredit.
Die Mitglieder beraten sich gegenseiteig. Etwa in der Frage, wie tragfähig der Verkauf von Obstsaft oder das Rösten von Kaffee ist und welche Risiken man vermeiden sollte.
Solidargruppen
Die Anzahl der Mitglieder ist fest. Über ein- und ausgezahlte Beträge wird genau Buch geführt. Das erlaubt den transparenten Umgang mit den Ersparnissen der Gruppe.
Radio Nou
Bildung
Friedenserziehung
Information
Protagonisten des WandelsPère Hervé erklärt das Caritasverständnis
Nicht für die Gemeinde arbeiten wir, sondern mit der Gemeinde. Die Gemeinde ist Akteur. Sie ist Protagonist des eigenen Wandels. Das ist für die Caritas in Haiti ein wichtiger Grundsatz der Arbeit.
Haiti - auf einem guten Weg
Auch wenn der Hurrikan
dieses Jahr ausbleibt:
Es bleibt viel zu tun.
Die Caritas Nippes Workshops
zu Ackerbau,
Viehzucht, Erosionsschutz
und Funktionsweisen
von Solidarkassen durch.
Es geht also um den Schutz
der natürlichen Ressourcen
und ein stabiles Produktionsmodell,
das die Ernährung sichern
und den Auswirkungen
des Klimawandels standhalten kann.